Die Themen Energiewende und Finanzkrise gehören zu den wichtigsten unserer Zeit und waren deshalb für den FWG-Kreisvorsitzenden Wolfgang Hofmann und den Solmser FWG-Vorsitzenden Frank Hintersehr Anlass, diese in den Mittelpunkt ihres Jahresempfangs in der Solmser Taunushalle zu stellen.

Traditionell findet dieser in Form einer Podiumsdiskussion statt, zu der Hintersehr rund 120 Gäste begrüßte, zu denen die SPD-Bundestagsabgeordnete Dagmar Schmidt, die Landtagsabgeordneten Hans-Jürgen Irmer (CDU) und Stefan Krüger (SPD), Stadtverordnetenvorsteher Dieter Hagner (SPD), 1. Stadträtin Heidi Deeken-Schiller (Grüne) sowie weitere Vertreter der lokalen Politik und die Solmser FWG-Ehrenvorsitzenden Erich Mohr und Jörg Ludwig (beide FWG) begrüßen konnte. Der Lahn-Dill-Kreis war durch die Kreisbeigeordneten Horst Euler und Dieter Blöcher (beide FWG) sowie die Kreistagsmitglieder Dr. David Rauber (SPD), Carmen Zühlsdorf-Gerhard (Grüne) und Jens Trocha (FWG) vertreten. Der Schöffengrunder Bürgermeister Hans-Peter Stock (FWG) zugleich_Mitglied des Kreistags erschien in Doppelfunktion. Der Wetzlarer Stadtrat Harald Semler (FW) ließ sich die Teilnahme ebenso wenig nehmen wie der unabhängige Bürgermeister der Gemeinde Sinn Hans-Werner Bender.

Am Podium, das WNZ-Chefredakteur Dr. Uwe Röndigs moderierte, nahmen der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Wetzlar Norbert Spory, der Vorstand der Volksbank Mittelhessen Rainer Staffa, der Geschäftsführer der Hermann Hofmann, Erneuerbare Energie GmbH&Co KG, Michael Koch, der Vorsitzende der FWG-Kreistagsfraktion Bürgermeister Roland Esch und der Vorsitzende der FWG Lahn-Dill, Rechtsanwalt und Vizelandrat a.D. Wolfgang Hofmann Platz.

Chancen und Risiken und vor allem die Verbindung zwischen Energiewende und Finanzkrise standen zur Diskussion. „Es geht dabei um ökologische und ökonomische Grundfragen unserer Zeit, für die wesentliche Rahmenbedingungen außerhalb des kommunalen Einflussbereichs getroffen werden, was sowohl für die Finanz- und Staatsschuldenkrise als auch die mit dem Atomausstieg drastisch beschleunigte Energiewende gilt“, so Hintersehr. Für die Menschen an Lahn und Dill und ihre Kommunen stehe dabei die Frage der Chancen und Risiken besonders im Blickfeld und fast alle Bürgerinnen und Bürger begrüßten die verstärkte Erschließung und Nutzung erneuerbarer Energiequellen. „Zugleich regt sich massiver Widerstand, wenn Stromtrassen, Biogas- oder Windkraftanlagen in Hör- und Sichtweite Betroffener rücken.“ Dabei sind private Haushalte ebenso wie Wirtschaft und Kommunen auf zuverlässige Strom- und Wärmeenergieversorgung angewiesen. Bleiben die stark gestiegenen Strompreise bezahlbar? Gefährdet der Wegfall der derzeit über den Strompreis gezahlten Subventionen Arbeitsplätze? Können sich Bürger an Energieinvestitionen beteiligen? Wenn ja, an welchen? Sollen Off-Shore-Windkraftanlagen zu Lasten von Anlagen in „windhöffigen“ mittelhessischen Berglagen stärker gefördert werden? Werden Menschen, Natur und Umwelt unzumutbar beeinträchtigt oder gar gefährdet? Müssen weitere Forschungsergebnisse oder technische Fortschritte (Wasserstofftechnologie?) abgewartet werden? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Energiewende und Finanzkrise? Fragen über Fragen tun sich auf und sorgen für Spannung. „Uns ist klar, dass wir erst am Anfang einer Entwicklung stehen, die noch heftige Auseinandersetzungen nach sich ziehen wird“, so Hofmann. Ziel der Diskussion zum Jahresempfang sei es, Denkanstöße zu geben und zu einer Versachlichung der Diskussion beizutragen.

„Wer begreift heute noch die Zusammenhänge, wo die mediale Öffentlichkeit sich auf Aktuelles und Spektakuläres bezieht und die wirklich wichtigen Dingen doch Langzeitthemen sind?“ so Röndigs. Noch sei die Finanzkrise von 2008 nicht vom Tisch, spreche die EU von einer Banken-Union, die noch vor der Europa-Wahl im Mai realisiert werden soll. Diese Politik betreffe alle, denn eine Neuauflage in der Zukunft wolle keiner.

Michael Koch wusste eindringlich darzustellen, wie wichtig die erneuerbaren Energien sind: „Vor dem Hintergrund von Fukushima ist Umdenken ein Muss und wir wollen als mittelständisches Unternehmen die Menschen mit nehmen, die Wertschöpfung in der Region lassen, Kommunen ins Boot holen und mit Maß und Ziel zu Werke gehen, wofür uns die Politik sicher und langfristig gute Rahmenbedingungen schaffen muss.“ Auf die Frage von Röndigs „Wohin mit den Hunderten geplanten Windkraftanlagen?“ wusste Koch von ausreichend Standorten besonders in strukturschwachen Regionen zu berichten. Dass es für Bürgermeister keine leichte Aufgabe ist, Bürger zu überzeugen, konnte Esch unterstreichen, doch er meint: „Um die Akzeptanz bei der Bevölkerung zu finden müssen die Kommunen mit einsteigen und wir in Aßlar erfüllen unseren gesetzlichen Auftrag etwas zu tun schon zu Land, zu Wasser und in der Luft, wobei wir uns der Kompetenz von Fachfirmen bedienen – Wirtschaftlichkeit ist in jedem Fall das Stichwort.“ Hofmann sollte das Ende der politischen Fahnenstange für die FWG in Sachen Fördergelder nennen. „Es kommt drauf an, wie man es sieht: Wir konzentrieren uns auf die Situation vor Ort – bundesweit sieht das ganz anders aus“. In der gesamten Diskussion um erneuerbare Energien komme es doch darauf an, was beim Bürger an Nutzen, aber auch an Kosten und Belastungen ankommt. „Ökologie und Ökonomie hängen eng zusammen und die Kunst besteht darin, bei Entscheidungen Vorteile spürbar zu machen und Belastungen bei sorgfältiger Abwägung von Alternativen nachvollziehbar zu begründen.

„Norbert Spory sicherte die Unterstützung der Region in Sachen Investment zu. Rainer Staffa skizzierte den schweren Kampf, den entsprechende Firmen an mehreren Fronten führen: „Lieferanten, Kommunen, Bürgerinitiativen – am 8. April stellt Siegmar Gabriel das neue erneuerbare Energien-Gesetz vor und schnelle Reaktionen werden nicht möglich sein, so werden sicher nur ein Bruchteil der geplanten Anlagen umgesetzt.“ Koch sprach von exportfähigen Technologien und einem Vorsprung der Windkraft, der mit 120000 Arbeitsplätzen schon eine beachtliche wirtschaftliche Größe darstelle. „Goldgräberstimmung sorgt jedoch für einen überhitzten Markt, den wir nicht wollen – lokale Firmen die nachhaltig wirtschaften, eben eine regionale Energieversorgung ist wichtig.“

Ähnliches konnte Norbert Spory in seinem „Overlook“ zur Situation der Bankenwelt sagen.

„Als die Lehman-Brothers den moralischen Kompass verloren, die Krise von Amerika nach Europa schwappte und die Banken in Problemländern nicht handlungsfähig waren, wurde viel Geld in das System geschüttet und die Zinsen brachen weg.“ Sparen mache keinen Sinn, hohe Liquidität überdecke derzeit Probleme und es bleibe abzuwarten, ob die geschaffene Zeit auch genutzt werde. Staffa appellierte an junge Leute vor dem unsicheren Hintergrund: „Ihr müsst was für die Altersvorsorge tun!“ Es sei eine große gesellschaftspolitische Aufgabe, wieder ins Lot zu kommen. „Es ist nicht gut, wenn Politik in Marktwirtschaft eingreift!“ weiß Staffa. „Es ist ärgerlich, wenn wir unser gutes Geld, das wir schon seit vielen Jahrzehnten verlässlich generieren, für die Misswirtschaft anderer Banken geben müssen und nicht unseren Kunden und Mitgliedern weiter geben können.“ Worüber die Banken sich ärgern, könnte den Kommunen doch zur Freude gereichen, fand Röndigs. Roland Esch führte dazu zwei Seiten der Medaille an: „Es kommt darauf an, wie man aufgestellt ist: Investieren mit niedrigen Zinsen ist gut, eine Steigerung der Kassenkredite, also wie im privaten Bereich ein überzogenes Konto, kann bei einer Zinssteigerung von einem Prozent zur Katastrophe werden.“ Hohe Abgaben belasten die Kommunen, die trotzdem maßvoll investieren müssen, um ihre Attraktivität zu erhalten, damit die Bürger nicht abwandern. „Billige Zinsen schweben wie das Damoklesschwert über uns: Wenn die Wirtschaft sich beruhigt, muss man sich Kurzkredite aus den Füßen schaffen“, so Esch. Sein Fazit: Derzeit überwiegen die Nachteile in der Niedrigzinsphase. „Für die Kreise ist es noch schlimmer, weil sie – außer der Jagdsteuer – keine eigenen Einnahmen haben“, ergänzte Hofmann. Derzeit profitiere man vom niedrigen Zinsniveau, was aber nicht bei der Schuldentilgung helfe. „Kreise haben mit Bildung und Sozialaufgaben zwei extrem teure Aufgabengebiete, Freiwilliges geht fast nicht mehr und die scheinbare Lösung liegt im Schutzschirm des Landes, der uns zwar eine Menge Schulden abnimmt, aber auch bis 2020 einen ausgeglichenen Haushalt fordert, was drastische Einsparungen bedeutet, die alle betreffen“, so Hofmann. Im Zusammenhang von Finanzkrise und Energiewende hat Hofmann den Wunsch an Banken und Industrie: „Es gilt, gewaltige Summen zu stemmen – finden Sie Modelle, die Bürger unmittelbar beteiligen, wie z.B. beim Photovoltaikpark am Solmser Galgenberg, wo sichtbare Erfolge Akzeptanz schaffen.“

Norbert Spory schätzt die Dauer der Niedrigzinsphase noch auf längere Zeit ein: „Das Zinsniveau von 2006/07 werden wir in den nächsten drei Jahren nicht erreichen – die Europäische Zentralbank schleicht die Effekte langsam aus.“ Staffa sieht solche Gemeinschaftsinvestitionen positiv, warnt jedoch vor Blauäugigkeit: „Lässt man Eigenkapital einfließen, ist man Unternehmer und kein Anleger und es gibt keine Sicherheiten. Ich will Ihnen das nicht ausreden, doch man sollte das tun, von was man etwas versteht und muss das Risiko einkalkulieren.“

Abschließend dankte Wolfgang Hofmann den Podiumsteilnehmern für die interessante Diskussion, deren Ziel es war, regional und lokal auf Probleme aufmerksam zu machen, zum Nachdenken anzuregen und zu motivieren, sich mit diesen Themen zu befassen.